Ozempic, Wegovy, Mounjaro: Die sogenannten Abnehmspritzen haben die Behandlung von Übergewicht in kurzer Zeit verändert — auch in der Schweiz. Die Medikamente wirken: Studien zeigen einen Gewichtsverlust von 15 bis 20 Prozent des Körpergewichts. Doch sie haben eine Kehrseite, über die zu selten gesprochen wird: Ein erheblicher Teil des verlorenen Gewichts ist keine Fettmasse, sondern Muskulatur. Genau hier kommt Krafttraining ins Spiel — und damit eine grosse Chance für alle, die Menschen beim Abnehmen begleiten.
Wie GLP-1-Medikamente wirken
Wirkstoffe wie Semaglutid (Ozempic, Wegovy) und Tirzepatid (Mounjaro) ahmen das Darmhormon GLP-1 nach. Sie verlangsamen die Magenentleerung, wirken im Gehirn auf das Sättigungszentrum und dämpfen den Appetit spürbar. Wer die Spritze nutzt, isst automatisch weniger — oft deutlich weniger. Der Gewichtsverlust entsteht also nicht durch das Medikament selbst, sondern durch das grosse Kaloriendefizit, das es auslöst.
Ursprünglich für die Diabetes-Therapie entwickelt, werden die Medikamente heute breit zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Mit auslaufenden Patenten und ersten Nachahmerprodukten dürften die Preise in der Schweiz weiter sinken — die Zahl der Anwenderinnen und Anwender wird also eher zunehmen.
Das Problem: Bis zu 40 Prozent Muskelverlust
In den Zulassungsstudien wurde bei einem Teil der Teilnehmenden die Körperzusammensetzung gemessen. Das Ergebnis: Rund 25 bis 40 Prozent des verlorenen Gewichts entfielen auf fettfreie Masse — also vor allem Muskulatur. Bei einer Person, die 20 Kilogramm abnimmt, können das 5 bis 8 Kilogramm Muskeln sein.
Warum ist das kritisch?
- Der Grundumsatz sinkt. Muskeln verbrennen auch in Ruhe Energie. Wer viel Muskulatur verliert, braucht danach weniger Kalorien — der Boden für den Jo-Jo-Effekt ist bereitet, falls das Medikament abgesetzt wird.
- Kraft und Funktion gehen verloren. Gerade bei älteren Menschen erhöht Muskelverlust das Risiko für Stürze, Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit. Wie wichtig Muskulatur und Eiweiss im Alter sind, zeigt unser Beitrag zum Thema Frailty.
- Die Körperzusammensetzung bleibt ungünstig. Das Ziel einer Gewichtsreduktion ist weniger Fett — nicht weniger Muskeln. «Skinny fat» ist kein Gesundheitsgewinn.
Die Lösung: Krafttraining plus Protein
Die gute Nachricht: Muskelverlust unter GLP-1-Therapie ist kein Schicksal. Zwei Massnahmen wirken nachweislich dagegen — und beide gehören in jede ärztlich begleitete Abnehm-Therapie.
1. Krafttraining, zwei- bis dreimal pro Woche
Progressives Krafttraining ist das stärkste Signal an den Körper, Muskulatur zu erhalten — selbst im grossen Kaloriendefizit. Zwei bis drei Ganzkörper-Einheiten pro Woche mit Grundübungen reichen für den Anfang. Warum Krafttraining beim Abnehmen generell unverzichtbar ist, erklären wir ausführlich im Beitrag Krafttraining fürs Abnehmen.
2. Genug Eiweiss trotz kleinem Appetit
Und hier liegt die eigentliche Herausforderung: GLP-1-Medikamente dämpfen den Appetit so stark, dass viele Anwenderinnen und Anwender kaum noch auf ihre Proteinmenge kommen. Bei niedriger Energiezufuhr steigt der Bedarf auf 1,8 bis 2,7 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht — ein Vielfaches dessen, was eine kleine Portion Essen liefert. Proteinreiche Lebensmittel haben deshalb Vorrang auf dem Teller, und zwar auf drei bis vier Mahlzeiten verteilt. Wie du deinen Bedarf konkret berechnest, zeigt unser Guide «Wie viel Protein pro Tag?».
Was das für Trainerinnen und Trainer bedeutet
Für die Fitnessbranche entsteht gerade ein neues Berufsfeld: GLP-1-Anwenderinnen und -Anwender sind eine wachsende Kundengruppe mit klarem Auftrag — Muskeln schützen, Kraft aufbauen, den Körper durch eine aussergewöhnliche Phase begleiten. Diese Kundschaft braucht keine Motivationsappelle («iss einfach weniger»), sondern strukturierte Trainingsplanung, Geduld beim Belastungsaufbau und Grundwissen über die Wirkweise der Medikamente.
Ausbildungs-Tipp der update Akademie: Du möchtest Menschen beim Abnehmen professionell und individuell begleiten? In der Ausbildung zum Personaltrainer lernst du Trainingsplanung, Betreuung und Coaching von A bis Z — berufsbegleitend, praxisnah und schweizweit anerkannt. Genau die Kompetenzen, die in der GLP-1-Ära gefragt sind.
Praktische Empfehlungen für die Therapie-Begleitung
- Früh starten: Mit dem Krafttraining nicht warten, bis der Gewichtsverlust fortgeschritten ist — der Muskelschutz wirkt am besten von Beginn an.
- Grundübungen bevorzugen: Kniebeugen, Kreuzheben-Varianten, Drücken, Ziehen — grosse Bewegungen, moderate Lasten, saubere Steigerung.
- Protein zuerst essen: Bei kleinem Appetit die Eiweissquelle als Erstes auf den Teller und als Erstes essen.
- Alltag aktiv halten: Spaziergänge und Alltagsbewegung ergänzen das Training — mehr dazu im Beitrag über Schritte und Gesundheit.
- Verlauf messen: Nicht nur die Waage, sondern auch Kraftwerte und Umfänge dokumentieren. Warum die Waage allein täuscht, liest du im Beitrag «Was tun, wenn die Waage stehen bleibt?».
Wichtig: Die Spritze ist eine Therapie, kein Lifestyle-Produkt
GLP-1-Medikamente gehören in ärztliche Hände: Indikation, Dosierung und Nebenwirkungen (Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden, selten ernstere Komplikationen) müssen medizinisch begleitet werden. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Was Training und Ernährung betrifft, gilt aber unabhängig vom Medikament: Wer seine Muskulatur schützt, nimmt nachhaltiger ab — und bleibt nach der Therapie leistungsfähig.
Häufige Fragen zur Abnehmspritze und Muskelverlust
Verliert man mit Ozempic oder Wegovy automatisch Muskeln?
Ohne Gegenmassnahmen ja: Studien zeigen, dass 25 bis 40 Prozent des verlorenen Gewichts fettfreie Masse sein können. Mit Krafttraining und ausreichend Protein lässt sich dieser Anteil deutlich reduzieren.
Wie viel Training braucht es während einer GLP-1-Therapie?
Als Richtwert gelten zwei bis drei Krafttrainings-Einheiten pro Woche plus möglichst viel Alltagsbewegung. Entscheidend ist die Regelmässigkeit über die gesamte Therapiedauer.
Was passiert nach dem Absetzen der Abnehmspritze?
Der Appetit kehrt zurück, und ohne veränderte Gewohnheiten steigt das Gewicht häufig wieder. Wer während der Therapie Muskulatur, Trainingsroutine und Ernährungswissen aufgebaut hat, hat die deutlich besseren Karten, das Gewicht zu halten.
Übernimmt die Krankenkasse in der Schweiz die Kosten?
Unter bestimmten Bedingungen (BMI-Grenzen, ärztliche Verordnung, definierte Therapiedauer) werden einzelne Präparate von der Grundversicherung übernommen. Die Details ändern sich laufend — massgebend ist die Auskunft von Arzt oder Ärztin und Krankenkasse.
Fazit
Die Abnehmspritze ist gekommen, um zu bleiben — und sie macht Krafttraining nicht überflüssig, sondern wichtiger denn je. Wer eine GLP-1-Therapie mit strukturiertem Training und proteinreicher Ernährung kombiniert, verliert Fett statt Muskeln und legt das Fundament für ein stabiles Gewicht nach der Therapie. Für Trainerinnen und Trainer ist das die Gelegenheit, sich jetzt das Wissen für diese wachsende Zielgruppe aufzubauen.


