Eine effektive Trainingssteuerung im Ausdauerbereich berücksichtigt Herzfrequenz, Belastungsdauer und dein subjektives Belastungsempfinden.
Die Einteilung in Trainingsbereiche anhand der maximalen Herzfrequenz ist dabei eine bewährte, praktikable und absolut sinnvolle Methode – insbesondere im Ausdauertraining.
Wer seine Trainingssteuerung jedoch noch individueller gestalten möchte, kann einen Schritt weitergehen. Genau hier kommt die Karvonen-Formel ins Spiel.
Sie ersetzt die bisherigen Überlegungen nicht; sie baut auf diesen jedoch auf und macht sie individueller.
Von der maximalen Herzfrequenz zur Herzfrequenzreserve
Trainingsintensität wird häufig als Prozentsatz der maximalen Herzfrequenz angegeben.
Zum Beispiel: Training bei 70–80 % der HFmax.
Diese Methode orientiert sich an der individuellen Leistungsobergrenze und ermöglicht eine strukturierte Belastungsplanung.
Die Karvonen-Formel ergänzt diesen Ansatz um eine zusätzliche physiologische Grösse: die Herzfrequenzreserve.
Hier ist wichtig zu unterscheiden:
Die Herzfrequenzreserve beschreibt die Differenz zwischen maximaler Herzfrequenz und Ruheherzfrequenz:
Herzfrequenzreserve = HFmax – HFruhe
Die Karvonen-Formel ist dann das Berechnungsmodell, das genau diese Reserve nutzt, um Trainingsbereiche zu bestimmen.
Anders gesagt: Die Herzfrequenzreserve ist die Grundlage – die Karvonen-Formel ist das Werkzeug.
Warum die Ruheherzfrequenz einen Unterschied macht
Zwei Personen können dieselbe maximale Herzfrequenz von beispielsweise 190 bpm haben – und dennoch bei derselben Trainingsherzfrequenz unterschiedlich stark belastet sein.
Der Unterschied liegt oft in der Ruheherzfrequenz.
Beispiel:
Person A
- HFmax: 190 bpm
- HFruhe: 50 bpm
Person B
- HFmax: 190 bpm
- HFruhe: 75 bpm
Obwohl beide dieselbe HFmax besitzen, unterscheidet sich ihre Herzfrequenzreserve deutlich.
Person A verfügt über einen grösseren „Arbeitsbereich“, in dem das Herz seine Leistung steigern kann.
Mit zunehmendem Trainingsfortschritt wird dieser Unterschied noch bedeutsamer: Im Erwachsenenalter verändert sich die maximale Herzfrequenz kaum und nimmt mit den Jahren eher ab, während sich die Ruheherzfrequenz durch regelmässiges Ausdauertraining deutlich anpasst und meist sinkt. Gerade bei gut trainierten Personen spielt die Berücksichtigung der HFruhe daher eine zentrale Rolle für eine präzise Trainingssteuerung.
Würde man ausschliesslich mit Prozentwerten der maximalen Herzfrequenz arbeiten, bliebe dieser Unterschied unberücksichtigt.
Genau hier setzt die Karvonen-Formel an.
Die Karvonen-Formel in der Praxis
Die Berechnung lautet:
Trainingspuls = (Herzfrequenzreserve × Intensitätsfaktor) + Ruheherzfrequenz
Der Intensitätsfaktor entspricht dem gewünschten Trainingsbereich, beispielsweise 0.70 für 70 % Intensität.
Rechenbeispiel
Angenommen:
- HFmax: 195 bpm
- HFruhe: 60 bpm
Herzfrequenzreserve: 195 – 60 = 135 bpm
Training bei 70 % Intensität:
135 × 0.70 = 94.5 94.5 + 60 ≈ 155 bpm
Zum Vergleich: 70 % von 195 wären 136 bpm.
Der Unterschied von fast 20 Schlägen pro Minute kann trainingspraktisch relevant sein – besonders im Grundlagentraining oder bei ambitionierten Zielsetzungen.

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Physiologischer Hintergrund
Die Ruheherzfrequenz ist ein indirekter Marker für Trainingszustand und Effizienz des Herz-Kreislauf-Systems.
Ein niedriger Ruhepuls geht häufig einher mit:
- höherem Schlagvolumen
- verbesserter kardialer Ökonomie
- stärkerer parasympathischer Regulation
Wird dieser Ausgangswert in die Trainingsberechnung integriert, entsteht ein realistischeres Bild der relativen Belastung.
Die Karvonen-Formel berücksichtigt somit nicht nur die Leistungsgrenze, sondern auch den individuellen Startpunkt des Systems.
Für wen ist die Karvonen-Formel besonders sinnvoll?
Für viele gesundheitsorientierte Trainierende reichen Prozentwerte der maximalen Herzfrequenz vollkommen aus.
Die Karvonen-Formel wird besonders interessant, wenn:
- Trainingsbereiche sehr präzise gesteuert werden sollen
- Leistungsentwicklung systematisch geplant wird
- grosse Unterschiede in der Ruheherzfrequenz bestehen
- Training periodisiert und langfristig aufgebaut wird
Sie ermöglicht eine feinere Abstufung – insbesondere im unteren und mittleren Intensitätsbereich.
Trotz Präzision bleibt Interpretation entscheidend
Wie bereits in vorherigen Beiträgen betont: Die Herzfrequenz ist ein reaktiver Marker.
Schlafmangel, Stress, Hitze, Flüssigkeitsmangel oder hormonelle Schwankungen beeinflussen sie.
Auch die Karvonen-Formel kann diese Faktoren nicht eliminieren; sie schafft jedoch eine differenziertere Ausgangsbasis.
Wenn dein berechneter Trainingsbereich bei ca. 155 bpm liegt, sich diese Belastung jedoch ungewöhnlich schwer anfühlt, liefert dir genau diese Abweichung wertvolle Information über deine aktuelle Belastbarkeit.
Hier schliesst sich der Kreis zur subjektiven Wahrnehmung, die ebenfalls bei jedem Training berücksichtigt werden muss.
Fazit – Präzision als Ergänzung, nicht als Ersatz
Die Karvonen-Formel ersetzt die Trainingssteuerung über die maximale Herzfrequenz nicht, sondern macht sie präziser. Sie ergänzt die Orientierung an der maximalen Herzfrequenz um die Herzfrequenzreserve und macht Trainingsbereiche individueller.
Ob einfache Prozentwerte oder differenzierte Berechnung – entscheidend bleibt die Fähigkeit, Zahlen im Kontext zu verstehen und mit dem eigenen Belastungsempfinden zu verbinden.
Moderne Trainingssteuerung bedeutet nicht, möglichst komplex zu rechnen. Sie bedeutet, die richtigen Werkzeuge zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen.



